„Das Kleinanlegerschutzgesetz verhindert Investitionen.“ Post #47

Drei ParagraphenzeichenNach dem Skandal um die Prokon Pleite sieht sich der Gesetzgeber auf den Plan gerufen. Bundesjustiz- und Bundesfinanzministerium planen die Ausweitung der Regulierung des Kapitalmarktes. Dazu soll das Vermögensanlagenschutzgesetzes (VermAnlG) verändert und in seiner Gültigkeit erweitert werden. Diese Regulierung würde auch die Finanzierungsform des Crowdfunding betreffen.

Die Folgen des geplanten Kleinanlegerschutzgesetzes für das Crowdfunding:

  • Werbeverbot für Crowdfunding-Kampagnen auf facebook, twitter, etc.
  • Deutliche Risikohinweise auf jeder Art von Werbung
  • Anleger hätten die Pflicht zum Ausdrucken, Unterschreiben und postalischen Verschicken eines Vermögensanlage-Informationsblattes (VIB) ab einer Einlage von 250 Euro
  • Maximal 1 Mio Euro dürften Unternehmer pro Kampagne einsammeln
  • Anleger dürften sich mit maximal 10.000 € pro Kampagne beteiligen

Wir haben Johannes Tschesche gefragt, wie er die Pläne um das so genannte Kleinanlegerschutzgesetz aus Anlegersicht bewertet. Johannes Tschesche kennt und beobachtet seit Jahren die deutsche Startup- und Kleinunternehmen-Szene. Crowdfunding ist in den letzten Jahren dabei wichtiges Standbein des Portfolios geworden. Auf seinem Blog blog.smallcapservice.de informiert er regelmäßig über Trends, Risiken und Chancen des Crowdfunding und gibt Anlegern, die in Startups und Kleinunternehmen investieren wollen, Hilfestellungen. Wie kaum ein zweiter kann er deshalb aus Anlegersicht zu den geplanten Auswirkungen des neuen Kleinanlegerschutzgesetzes Stellung nehmen.

Herr Tschesche, die Bundesregierung möchte mit diesem Gesetz die deutschen Kleinanleger vor einem zweiten Prokon bewahren. Schützen diese Maßnahmen tatsächlich vor einer Fehlinvestition?

Diese Maßnahmen können in Einzelfällen nicht nur vor Fehlinvestitionen schützen, sondern sie werden es auch. Es werden nämlich sehr viele potenzielle Investoren nicht mehr investieren, weil es zu umständlich ist. Und wer nicht investiert, kann konsequenterweise auch keine Fehlinvestitionen tätigen. Aber die Beschneidung von Möglichkeiten kann keine Lösung in einem Land sein, welches sich für aufgeklärt hält und seinen Bürgern was von Freiheit und Selbstbestimmung erzählt. Ein Werbeverbot für Crowdfunding-Kampagnen in sozialen Netzwerken würde das Aus für die Schwarmfinanzierung bedeuten. Schließlich funktioniert das Konzept nur mit sozialen Netzwerken.

Was bringen die geplanten Risikohinweise und das Unterschreiben des Vermögensanlage-Informationsblattes aus Ihrer Sicht?

Einen deutlichen Risikohinweis auf jeder Art von Werbung fordere ich ebenfalls. Das ist überfällig. Insbesondere bei Anlagen, bei denen ein Totalverlust möglich ist, gehört dieser Hinweis auf jede Seite des Vertrags! Dieser Sachverhalt kann nicht oft genug und deutlich genug klar dargestellt werden.
Im Gegensatz zu den Anbietern diverser andere Kapitalanlagen sind die Crowdfunding-/Crowdinvesting-Portale in Deutschland an dieser Stelle aber sehr vorbildlich. Alle weisen überaus deutlich auf die Risiken hin. Wer das nicht mitbekommt, will es nicht wissen. Wenn man vergleichsweise in die Hochglanzprospekte der regulierten offenen Fonds oder die meisten Wertpapierprospekte schaut, wird man eine derart offene Kommunikation der Möglichkeit eines Totalverlustes nicht finden.
Im Zusammenhang mit Risikohinweisen sehe ich auch das Vermögensanlagen-Informationsblatt. Eine Art Klarvertrag für Kapitalanlagen befürworte ich ja ebenfalls schon länger. Dass sowas ausgedruckt, unterschrieben und postalisch versandt werden muss, ist natürlich totaler Schwachsinn. Wir kommunizieren heute auch nicht mehr mit Rauchzeichen. Derartige Regeln sind völlig realitätsfern. Aber natürlich muss technisch sichergestellt werden, dass diese Informationen angeboten wurden. Das kann man aber mit einem Double-Opt-In-Verfahren problemlos realisieren.

Aber die Funding-Ziel-Begrenzung auf eine Million und die maximale Anlage von 10.000 € pro Anleger könnten doch zum Schutz der Anleger hilfreich sein, oder?

Die Beschränkung auf 1 Mio. Euro als Funding-Ziel oder die Beschränkung eines einzelnen Investments auf maximal 10.000 Euro sind nicht sinnvoll. Wenn man davon absieht, dass die Prospektpflicht in ihrer aktuellen Ausgestaltung generell völliger Unfug ist, dann ist die Grenze für eine Ausnahme bis zu einem Betrag von 1 Mio. Euro für die Crowdfunding-Portale natürlich eine positive Entwicklung. Aber nur auf den ersten Blick. Bestimmte Branchen, wie z.B. der Maschinen- und Anlagenbau, werden so mittels Schwarmfinanzierung praktisch nicht finanziert werden können. Man darf auch nicht vergessen, dass die Portale Geld verdienen müssen, um dauerhaft existieren zu können. Dazu müssen die Umsätze noch deutlich steigen. So gesehen wäre also ein größerer Spielraum von mindestens 5 Mio. Euro für eine Ausnahme von der Prospektpflicht wünschenswert.
Warum man außerdem maximal 10.000 Euro investieren dürfen soll, ist ebenfalls fraglich. Beispielsweise wird so die Möglichkeit genommen, dass ein Lead Investor mit an Bord genommen wird. Dabei könnte gerade ein solcher sehr positiv für alle Beteiligten sein. Abgesehen davon ist auch hier die Grenze von 10.000 Euro völlig willkürlich. Man darf sich ja auch ohne staatliche Regulierung überteuerte Schrottimmobilien kaufen oder sein Geld im Kasino verspielen. Und warum sollten vermögende Investoren hier benachteiligt werden?

Hätten diese Maßnahmen die Prokon-Anleger geschützt? Würden die Prokon-Anleger heute besser dastehen, wenn es das Kleinanlegerschutzgesetz schon früher gegeben hätte?

Der Gesetzgeber sollte sich weniger Gedanken um ein zweites Prokon machen. Denn die meisten Verschärfungen des Kleinanlegerschutzgesetzes hätten bei Prokon überhaupt nicht gegriffen. Der Gesetzgeber muss verstehen, dass sich kriminelle Machenschaften nicht wegregulieren lassen. Wichtiger als vom Regulierungswahn getriebene Einschnitte in die unternehmerische Freiheit und in das Selbstbestimmungsrecht freier Bürger ist die Ermittlungsfähigkeit der existierenden Behörden. Was bringt ein Wertpapierprospekt, welches nur auf Formalitäten geprüft wird? Was bringen zusätzliche Ermächtigungen für die BaFin, wenn es um Betrug geht? Das ist dann und ist jetzt ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Wenn also Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass jemand betrogen wird, kann man also auch mit der jetzigen Gesetzeslage wunderbar agieren, wenn man denn wollte. Die BaFin kann und sollte gewisse Aufgaben schlicht nicht leisten, weil sie dafür nicht vorgesehen ist. Dafür gibt es andere Organe. Dem Anleger ist nicht damit geholfen, wenn mittels eines Kleinanlegerschutzgesetzes der Bock zum Gärtner gemacht wird.

Abgesehen davon: Als Anleger/Investor mit überdurchschnittlichen Renditeerwartungen muss man eben auch mit einem überdurchschnittlichen Risiko rechnen. Auch ein Totalverlust gehört eben dazu.

Crowdinvesting wird gern als Teil des „grauen Kapitalmarktes“ bezeichnet. Als Plattform empfinden wir das als falsch, weil wir uns sehr um Transparenz auf allen Seiten bemühen und deshalb ungern mit Zwielichtigkeit in Verbindung gebracht werden. Können Sie es aus Anlegersicht dennoch verstehen, wenn diese Bezeichnung hin und wieder genutzt wird?

Die Unterscheidung der Kapitalmärkte nach grau, schwarz und weiß ist nicht sinnvoll. Außerdem funktioniert sie auch nicht. Aus Anlegersicht kann ich die Verwendung des Begriffes überhaupt nicht verstehen. Die alleinige Zugehörigkeit zum grauen Kapitalmarkt hat keinerlei Bedeutung. Als Anleger kann man daraus weder ableiten, wie sicher die Anlage ist, noch eine Bewertung hinsichtlich einer möglicherweise erzielbaren Rendite vornehmen. Der graue Kapitalmarkt ist auch kein Tummelbecken für Kriminelle, wie es teilweise in den Medien propagiert wird. Er ist weder gut, noch schlecht.

Haben Sie einen Tipp für Anleger, wie sie für sich größtmögliche Transparenz herstellen können und aufgeklärte, eigenständige Anlageentscheidungen treffen?

Als Anleger ist die Gewinnung von Informationen über das jeweilige Investment von entscheidendem Interesse, nicht die Zugehörigkeit zu irgendeinem Kapitalmarkt. Das bedeutet einerseits, dass man in Erfahrung bringen muss, welche Unternehmen und Personen dahinter stehen. Sobald man das weiß, kann man Recherchen über den Werdegang dieser Personen anstellen. Das ist heute mit Hilfe des Internets recht bequem geworden. Das Rechercheergebnis sagt dann oftmals mehr als jedes Wertpapierprospekt. Wenn dann beispielsweise jemand ohne jegliche Ausbildung und Reputation an der Spitze eines internationalen Fonds steht, dürfte das wenigstens ein Anzeichen dafür sein, dass man noch genauer hinschauen muss. Oftmals finden sich über windige Geschäftemacher bereits viele Berichte. Aber auch da muss man prüfen, wie vertrauenswürdig diese sind. Auch über die Unternehmen lässt sich mit Hilfe von hinterlegten Dokumenten, die man über das Handelsregister bekommt, eine Menge in Erfahrung bringen. Nicht zuletzt muss man das Geschäft verstehen, in welches man investiert. Im Idealfall rechnen Sie persönlich nach, wie die versprochene Rendite zustande kommt oder mit welchen Ergebnissen unter Ihnen als glaubhaft zugrundegelegten Zahlen zu rechnen ist. Wichtig ist außerdem, dass man sich die jeweiligen Vertragsunterlagen (meist Beteiligungs-, Darlehens- oder Zeichnungsunterlagen) in Ruhe durchliest und versteht. Im Zweifelsfall sollte man bei jemandem (dem man vertraut) nachfragen, wenn man etwas nicht versteht. Die Investition betreffenden Fragen sollten von der Partei mit Kapitalbedarf auch dann zeitnah und sachlich bearbeitet werden, wenn sie sehr kritisch sind. Möglicherweise kann man auch durch eine Besichtigung des Unternehmens Fragen beantworten. Auch Jahresabschlüsse können eine wertvolle Hilfe sein. Die Aussagekraft irgendwelcher Scores von Wirtschaftsauskunfteien hingegen sind mit Vorsicht zu genießen. Man sollte sich auch keinesfalls unter Zeitdruck setzen lassen oder in etwas investieren, nur weil es gerade im Trend liegt. Alleine aufgrund von Hochglanzprospekten oder ausgefeilten Vorträgen und Filmen sollte niemand investieren.

Vielen Dank für das Interview, Herr Tschesche.

Darum brauchen Unternehmer finmar – Post # 34

Man könnte meinen, die jetzige Zeit sei ein Eldorado für Kreditnehmer. Der Zins ist auf rekordverdächtigen Tiefstand und selbst die Banken und Versicherungen wissen teilweise nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Da stellt sich die Frage, wieso sollten Kreditnehmer überhaupt auf finmar Kredite aufnehmen, wenn Hausbanken doch mit so günstigen Zinsen locken?

Die Frage klärt sich im direkten Gespräch mit Unternehmern und Selbstständigen. Sobald sie kleinere Kredite brauchen, lehnen die Banken sie als Kreditnehmer häufig ab. Von Seiten der Bank heißt es dann oft, das hohe Pleiterisiko, die schlechte Bonität oder fehlende Sicherheiten seien der Grund. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man aber, dass Bankkredite an Unternehmer und Selbstständige als sogenannte Firmenkredite anderen Prüfungsbestimmungen unterliegen als Kredite an Konsumenten. Das macht die Prüfung teuer und den Kredit für die Bank finanziell unattraktiv. Kein Vorteil für die Bank – kein Kredit.

Bei näherer Betrachtung stellt man schnell fest, dass die Konsumentenkredit-Vergabe mittlerweile hoch standardisiert abläuft. Einige wenige, persönliche Merkmale des Kreditnehmers reichen aus (bspw. Einkommen, Alter, Wohnort, Schufa-Bonität etc.), um anhand von EDV-gestützen Programmen über den Kredit zu entscheiden.
Demgegenüber sind für Firmenkredite deutlich umfangreichere Prüfungen vorgesehen. Im Vordergrund steht die Beurteilung der Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit des Unternehmens. Dies beinhaltet u.a. Betriebswirtschaftliche Auswertungen (BWAs), Jahresabschlussanalysen, Branchenprognosen, Beurteilungen der fachlichen Qualifikationen des Geschäftsführers, etc.. Dabei ist der schematische Ablauf bis zu einer Höhe von 750.000 Euro immer der Selbe. Dieser kostspielige Prüfprozess verschlingt gerade bei kleinen Kreditsummen bis 25.000 Euro einen Großteil der Marge.

Fazit ist, dass Unternehmer und Selbstständige viel schwerer an Bankkredite kommen als Konsumenten. Zur Lösung dieses Problems leisten wir mit finmar unseren Beitrag. Gleichzeitig eröffnen wir Anlegern die Chance, das eigene Geld selbstbestimmt und angemessen verzinst anzulegen.

finmar unterstützt „A Framework for European Crowdfunding“ – Post # 19

Wir unterstützen das White Paper „A Framework for European Crowdfunding“ von Kristof De Buysere, Oliver Gajda, Ronald Kleverlaan und Dan Marom.

Das Autorenteam betont darin die Notwendigkeit der Einführung nutzerfreundlicher Gesetzgebung für den Bereich des Crowdfunding. Auch fordert das Papier eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit, um die Marktteilnehmer sicherer agieren zu lassen. Darüber hinaus wird die stärkere wissenschaftliche Aufmerksamkeit angefordert.

www.crowdfundingframework.eu

Hier zum Download: European_Crowdfunding_Framework_Oct_2012