Eine Woche Bootstrapping und Crowdlending – Post # 15

Von Lena Clausen und Clas Beese

Aus der Reihe „besser spät als nie“ präsentieren Lena & Clas hier endlich eine Zusammenfassung einer Woche, die sich nur um das Thema bootstrapping und Crowd-Finanzierung drehte. Drei Veranstaltungen zu diesen Themen in nur einer Woche hielten uns auf Trapp – wie immer Zufall-sei-Dank völlig ungeplant.

Wir starten Montagabend. Creative Monday. Veranstaltet von Frank Lemloh im Namen der Bundesinitiative Kultur- und Kreativwirtschaft (http://www.facebook.com/CreativeMondayNord) im betahaus hamburg. Die Hütte ist voll. Ein Regal wird zur Seite geräumt, damit alle sehen können. Alternative Finanzierungsmöglichkeit – vor allem in der Kreativwirtschaft – ist das Thema, was so viele Menschen angezogen hat.

Wir stellen unsere Lieblingsform des Unternehmengründens und dem damit eng verbundenen Unternehmenfinanzierens vor: Bootstrapping.
(What Lena thinks bootstrapping is: Des bootstrappens bedienen sich Gründer, die sich Unabhängigkeit bewahren wollen und einen nachhaltigen Unternehmensaufbau bevorzugen. Statt Venture Capital oder andere Formen der Investor-zentrierten Fremdfinanzeriung bevorzugen sie finanzielle Alternativen und einen kreativen Umgang mit Geld und Ressourcen.)

Die Methoden und Vorgehensweisen beim bootstrapping sind vielfältig, aber stellen zumeist den Mensch und das Netzwerk in den Vordergrund: Menschen aus dem eigenen Umfeld zu Unterstützern für die eigene Idee machen, zu potentiellen Nutzern des Produktes und Mitarbeiter zu Partnern im Unternehmen. Typisch bootstrapping ist auch, das Produkt als schlanken Prototyp (MinimumViable Product) sehr früh zu launchen und eine Feedback-Schleifen mit Kunden zu etablieren, die wichtigster Bestandteil des iterativen Vorgehen bei der Produktentwicklung wird.

Nicht zuletzt beziehen sich viele bootstrapping-Methoden auf das Finanzmanagement des Unternehmens, das heißt ein proaktiver Umgang mit dem cashflow, kurze Vertriebszyklen, kurze Forderungszyklen, lange Zahlungsziele für Beschaffungen und wiederkehrende Geldflüsse.

Die Vorteile des bootstrappens sind vor allem die Unabhängigkeit von Groß-Investoren, eine intensivere Arbeits- und Teamatmosphäre, der Aufbau einer community statt eines Kundenkreises, die verkürzte Zeit bis Marktreife sowie ein wohlüberlegter, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen.

Am zweiten Abend geht es um crowdlending. Und das kommt nicht von Ungefähr: das betahaus hamburg hat sich selbst ge-crowd-lendet. Und das schon im Jahr 2010 – ohne jegliche Plattform im Internet – seiner Zeit voraus und aus der Not ne Tugend gemacht!
Die Not: Banken lehnten Kreditanfragen für das betahaus ab. Coworking war bis dahin in Hamburg noch nicht bekannt und daher die Erfolgswahrscheinlichkeiten einer „arbeitenden Hippiekommune“ für Bänker schlicht nicht einzuschätzen.

Die Tugend: das betahaus kommt nicht aus der retorte, sondern entwickelte sich in und aus der großen Hamburger coworking-Initiative aus potentiellen Nutzern: freelancer, Unternehmensgründer und Selbstständige. Die Initiative – die Crowd sozusagen – war es auch, die das für die Einrichtung notwendige Kapital zur Verfügung stellte: zusammengesetzt aus vielen kleinen Beträgen als Darlehen. Und zwar nicht einer alleine, sondern von vielen. Coworking und co-investing passen gut zueinander. Crowdlending ist eine Ausprägung von Crowdfunding. Über Crowdlending-Plattformen verleihen Privatpersonen als Kreditgeber Geld an andere Personen, Gründer oder auch Unternehmen.

Dass dieses Modell die Grundlage für ganze Geschäftsmodelle sein kann, wie das von Finmar, war Inhalt beim Meeting der betahaus-crowd-Finanzierer an diesem Dienstag Abend. Spannend, ob das betahaus hamburg auch die Vorreiterrolle übernehmen wird für die nächste Entwicklungsstufe von Crowdlending.
(What Clas says: Es wird ein Sekundärmarkt für Crowd-Investments entstehen. Forderungen aus Crowd-Krediten werden handelbar. Bei mehrjährigen Laufzeiten ändern sich Interessen, Geschäftsmodelle und auch der Liquiditätsbedarf von Kreditgebern als auch Kreditnehmern.

Mittwoch. Ortswechsel: Modul 57. 19.00 Uhr. Der Hannoveraner Co-Working Space lädt Bootstrapper und Finanzfüchse zum Austausch ein. Üblicherweise ist das Modul 57 ein Co-Working nach dem state-of-the art. An diesem Tag jedoch mit ausgewöhnlichen Usern: Circa 50 Controller aus dem TUI-Konzern haben ihr Jahrestreffen und lassen am Abend 15 Gründer aus Hannover dazu stoßen. Lena und Clas wagten das Experiment, diese zwei Welten zu verbinden: die Idealismus- und Ideen-getriebene Lebenswelt der Start-ups mit der Ergebnisorientierung eines Konzerns. So die Theorie. Spannend stellen sich Lena und Clas die Überschneidung beider Lebenswelten vor. Und so werden nach kurzen Impulsvortägen die Teilnehmer mit gemeinsam zu lösenden Aufgaben konfrontiert. Jede Gruppe bekommt eine Geschäftsidee und eine Gründungsintention zugeteilt und soll nun einen Elevatorpitch und Crowdlendingkonzept für potentielle Investoren erarbeiten.

Gruppe A: Kunden schließen ein Abo ab. Jeden Monat gibt es eine neue Städtewochenendreise. Das Ziel wird kurzfristig bekannt gegeben – so dass der Verantalter immer die gerade preiswerteste Reise einkaufen kann. Logischerweise ist die Rendite für den Veranstalter fabelhaft.

Gruppe B: Barrierefreie Reisen für Rollstuhlfahrer. Bewährte Qualität, aber endlich integrativ. Soziale Anliegen und Geschäftstätigkeit werden verbunden. Social Entrepreneurship – dazu kann kein Invenstor „Nein“ sagen.

Gruppe C: Reisesparen. Die Kunden sparen jeden Monat einen Betrag bei ihrem Reiseveranstalter an. Nach 12 Monaten geht die Reise los. Die Liquidität: tiefenentspannt.

Gruppe D: Weltraumtourismus! Reisende aller Herren Länder erfahren Schwerelosigkeit und andere Phänomen beim Flug ins All. Beste Idee seit Geschnitten-Brot.

Mit der Aufforderung sich jeweils der Gruppe anzuschließen, an deren Schwerpunkt (Rendite, Liquidität, der Mensch oder die Idee) man persönlich am meisten glaubt, sorgt für die Überraschung der Woche. Bei den renditeorientierten Aboreisen sitzen nur 5. Beim liquiditästorientierten Reisesparen: dank Mitleidsbonus immerhin 2. Bei den sozialen Rollstuhlfahrerreisen tummelt sich eine beachtliche Gruppe und schliesslich dem ideenorientierten Weltraumtourismus: weit über die Hälfte aller Teilnehmer. Wir staunen Bauklötze: sind also doch gar nicht so zahlenorientiert, die Finanzfüchse.

Nachdem später am Abend die Konzepte ausgearbeitet und gepitcht sind bekommt jeder € 250. Gedanklich. Einmal. Um sie jetzt einem Projekt zu leihen. Und auch hier sind wir alle konsequent: Das Geld geht in gleichen Anteilen an den Weltraumtourismus und die Rollstuhlfahrerreisen. Reiseabo und Reisesparen gehen leer aus. Übertragen auf Crowdlending eine weitere Theorie zur Motivation der Geldgeber. Es geht um Menschen und Ideen.

Später an der Bar: „Wir wollen doch alle in Jahr 3 leben. Als Controller kriege ich so viele Businesspläne in denen Ertrag und Liquidität stimmen. Ob das wirklich so kommen wird, können wir doch auch nicht erkennen.“ Natürlich werden Entscheidungen anders getroffen. Ob das wohl auch irgendwann einmal offen in großen Unternehmen diskutieren wird?
Vielen Dank an dieser Stelle an das Team vom Innovationsmanagement der TUI für die Einladung. Nachdem die Idee des Weltraumtourismus in der Gruppenarbeit von Kritikern zerredet wurde und die Komprisslösung ein Hotelzimmer im Stil einer Weltraumkapsel wurde: Eure Aufgabe ist klar! Fliegt uns zum Mond.

 

Veröffentlicht von

Clas Beese

Clas Beese

Clas ist Gründer von finmar. Die Idee entstand 2010: Clas erfuhr erstmals von Crowdlending. Kleine Kredite waren für Selbstständige fast unerreichbar, dass wusste er als Gründungsberater. Crowdllending für Selbstständige war der Schluß. Clas kündigte 2011 seinen Job und widmete sich finmar, seinem ersten Fintech-Startup. Die Plattform ging 2013 live. Trotz vieler Versuche wurde sie nicht erfolgreich. 2015 ging finmar offline.

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